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06.04.2012 Von: Rotger Kindermann
 

Nachruf zum Tod von Professor Walther Keim

Ein Leben für die politische Karikatur


 

Am 1. April verstarb nach kurzer Krankheit unser VEJ-Mitglied Professor Dr. Walther Keim, nur wenige Tage vor Erreichen seines 77. Geburtstages. Mit ihm verlieren wir einen treuen und engagierten Mitstreiter, der in der deutschen Medienlandschaft insbesondere als Förderer der politischen Karikatur hohes Ansehen genoss. Walther Keim wurde 1935 geboren, seine Eltern betrieben eine große Landwirtschaft in Nordhessen. Nach dem Studienabschluss als Doktor phil. entschied er sich früh für die politische Arbeit am damaligen Regierungssitz in Bonn. In den 37 Bonner Jahren war Keim zunächst Referent in der Bundeszentrale für Politische Bildung, danach ziviler Pressesprecher im Bundesverteidigungsministerium. Bald wurde er zum  Leiter der Pressedokumentation des Deutschen Bundestages berufen. Zu den Aufgaben dieser Einrichtung gehörte es u.a., die Bundestagsabgeordneten jeden Morgen mit den aktuellen bundespolitischen und lokalpolitischen Nachrichten aus ihrem Wahlkreis zu versorgen (im Vor-online-Zeitalter als realer Zeitungsausschnitt aufgeklebt und per Bote auf den Schreibtisch gebracht!). In dieser Zeit entschied sich Walther Keim, ein Nebenprodukt seiner täglichen Archivarbeit zum Highlight zu machen: die politische Karikatur wurde gesammelt, systematisch archiviert und ihre Bedeutung für kritische Printmedien herausgestellt. In dieser Zeit wuchs Keims Sammlung mit spitzer Feder gezeichneter Bilder auf stattliche 250.000 Exemplare. Zugleich entwickelten sich  viele Freundschaften mit namhaften Karikaturisten wie Horst Haitzinger, Walter Hanel oder Burkhard Mohr. Aus dieser engen Zusammenarbeit entstanden zahlreiche Karikaturenbände, die Walther Keim zu aktuellen politischen Themen herausbrachte (siehe Auswahl unten). Dabei gelang es ihm auch, Karikaturisten international zusammenzuführen, wie zum Beispiel in dem Band „Nachbarn“, der exemplarisch veranschaulicht, wie deutsche Karikaturisten Polen sehen und welches Deutschlandbild polnische Karikaturisten haben. Für Walther Keim waren Karikaturen Röntgenbilder und Fassadenbeleuchtung zugleich. „Als Zeitdokumente reißen sie Verkleidungen ab, sie geben kritische Denkanstöße, die zum Schmunzeln oder zum Nachdenken auffordern“, schrieb er in einem seiner zahlreichen Fachbeiträge.

 

Sein Leben lang war Walther Keim unterwegs zwischen seinem Heimatort Relbehausen in Nordhessen und Bonn, ging an Wochenenden auf Vortragsreisen und pendelte seit 1980 außerdem  regelmäßig nach Münster, wo angehende Politikwissenschaftler durch ihn Karikaturen als wissenschaftliche Quelle kennenlernten. Die Uni Münster ernannte „den Pionier der wissenschaftlichen Durchdringung von Karikatur“ zum Honorarprofessor. Bekannt wurde Keim auch durch seine Vorlesungen und Vorträge zum Thema „Körpersprache und nonverbale Kommunikation“. Als Ruheständler lebte Walther Keim zusammen mit seiner Frau Ilse auf dem ehemaligen elterlichen Gehöft im Tal der Efze, aber die Leidenschaft für Karikaturen als kritische Zeitdokumente ließ ihn nicht los. Nach intensiven Gesprächen mit der regionalen Politik und Wirtschaft entstand durch seine Initiative in Rotenburg an der Fulda ein Museums-Kleinod unter dem Namen „Muzkkka“ (Museum für zeitgenössische Kunst, Kultur und Karikatur). Hier wurde eine Institution geschaffen, die sowohl in kultureller Hinsicht als auch durch ihren visuell bildenden Charakter in ganz Hessen für große Aufmerksamkeit sorgte.

 

Im Jahr 1999 hat die VEJ Prof. Walther Keim zum Ehrenmitglied unserer Vereinigung ernannt. Sie würdigte damit seinen Einsatz für den Erhalt der Karikatur als künstlerisches Element in kritischen Printmedien. Eine Begegnung mit Walther Keim war keine Minute langweilig. Sein Leben war prall gefüllt mit einer spannenden beruflichen Laufbahn, mit intellektuellen Debatten zwischen Kunst und schreibender Zunft, mit der Förderung von Nachwuchs-Karikaturisten und vor allem mit der Pflege gewachsener Freundschaften. Unter unseren Mitgliedern verlieren viele einen zuverlässigen Freund und Ratgeber. Und die Karikaturisten verlieren einen unermüdlichen Förderer, der völlig zu Recht mit dem Titel „Karikaturen-Papst“ geschmückt wurde.            

  

Ausgewählte Karikaturenbände, herausgegeben von Walther Keim:

Schlaraffenland ist abgebrannt, Karikaturisten sehen die Lage der Nation

Flitterwochen, Karikaturisten sehen das Jahr nach der deutsch-deutschen Hochzeit

Euro-Visionen, Deutsche Karikaturisten sehen Europa

Lokomotive, Eisenbahn-Karikaturen von 1852 bis zur Gegenwart

Ohne Moos nix los, Karikaturisten sehen Geld und Macht in Deutschland

Nachbarn, Karikaturisten dokumentieren die deutsch-polnischen Beziehungen

Um Himmels Willen, Kirche in der Karikatur.

Ins Bild geschlichen, Karikaturen von Reinhold Löffler - alte Meister mit neuen Köpfen

 

(Zum Teil gemeinsam mit Hans Dollinger herausgegeben).